Dem geliebten Menschen noch einmal nahe sein – ein Abschiedsritual
Manchmal ist ein Abschied nicht so möglich, wie wir ihn brauchen.
Der Tod eines geliebten Menschen kann viele Aufgaben mit sich bringen: Die Beerdigung muss organisiert, Formalitäten erledigt und vielleicht muss auch die Wohnung der verstorbenen Person aufgelöst werden. Deine Arbeitsstelle wartet zudem auf deine Rückkehr.
Während all das geschieht, bleibt kaum Zeit wirklich zu begreifen, was gerade passiert ist.
So war es bei einer Frau, die ich im Rahmen meiner Trauerbegleitung kennenlernen durfte.
Sie hat mir ausdrücklich erlaubt, ihre Geschichte zu erzählen.
Vielleicht kann sie ein wertvoller Impuls für andere Menschen sein, die sich ebenfalls nicht so von ihrem Menschen verabschieden konnten, wie es ihnen gutgetan hätte.
Eine enge Verbindung – und plötzlich ist alles anders
Die Frau hatte eine sehr gute Beziehung zu ihrer Mutter. Sie waren eng miteinander verbunden, gingen gerne gemeinsam spazieren, teilten viele gemeinsame Momente im Alltag und auch viele schöne Urlaube miteinander. Als die Mutter älter wurde und gesundheitlich zunehmend Unterstützung benötigte, war ihre Tochter für sie da. Auch wenn sie nicht in der gleichen Stadt wohnte, war es für sie selbstverständlich. Sie half also im Haushalt, kümmerte sich und begleitete sie.
Dann ging alles sehr schnell. Innerhalb weniger Wochen verschlechterte sich der Gesundheitszustand der Mutter stark und sie verstarb an einem dunklen Tag im November.
Doch anstatt innezuhalten und zu trauern, funktionierte die Tochter zunächst weiter.
Sie kümmerte sich um all die Dinge, die nach einem Todesfall erledigt werden müssen, organisierte die Wohnungsauflösung und ging wieder arbeiten.
Die Trauer hatte dabei kaum Raum. Bis irgendwann nichts mehr ging.
Es kam zu einem Zusammenbruch und schließlich zu einem Aufenthalt in einer Tagesklinik. Dort bekam die Trauer zum ersten Mal den Raum, den sie so dringend gebraucht hatte.
Wenn der Wunsch nach Abschied entsteht
Im Laufe der Zeit entstand ein tiefes Bedürfnis: Sie wollte sich noch einmal bewusst von ihrer Mutter verabschieden.
Sie wollte all dem Raum geben, das nicht mehr möglich war. Sie wollte all die ungesagten Worte aussprechen, für es keine Gelegenheit mehr gegeben hatte. Gedanken teilen, die sie ihrer Mutter noch gerne mitgegeben hätte.
Gemeinsam entstand die Idee, einen Brief zu schreiben. Einen Brief, in dem wirklich alles Platz haben durfte. Alles, was noch gesagt werden wollte, dufte auf das Papier.
Ein Stein als Zeichen der Erinnerung
Für ihr Abschiedsritual gestaltete die Frau außerdem einen Stein. Sie bemalte ihn liebevoll und schrieb den Namen und die Geburtsdaten ihrer Mutter darauf. So entstand etwas Bleibendes. Etwas, das sie mit ihrer Mutter verband und das später einen festen Platz bekommen sollte.
Sie entschied sich dafür, dem Stein seinen Platz zu geben, der eine ganz besondere Bedeutung für sie hat. Die Lieblingsbank der Mutter im Schwarzwald. Viele Jahre hatten sie dort gemeinsame Urlaube verbracht. Wenn Sie im Urlaub angekommen waren, war dieser Ort, einer der ersten, den die Mutter aufgesucht hatte. Dort hatte sie gerne gesessen und Zeit verbracht,
Ein Ritual, das Worte in den Himmel schickt
Mit liebevoller Unterstützung der Gastgeber ihrer Pension konnte die Tochter ihr Ritual vorbereiten. Sie bekam ein Feuerzeug und einen Blumenkübel, in dem sie den Brief sicher verbrennen konnte.
Dann ging sie zur vertrauten Bank, las den Brief noch einmal und ließ anschließend die beschriebenen Seiten los. Sie verbrannte den Brief und als der Rauch nach oben stieg, entstand ein wunderschöner Gedanke:
All die Worte, die sie ihrer Mutter noch sagen wollte, trug der Rauch zu ihrer Mutter in den Himmel.
Die Asche des Briefes wurde anschließend an diesem besonderen Ort beigesetzt und der Stein daraufgelegt.
Die Frau hat sich von ihrer Mutter verabschiedet. Auf ihre ganz eigene Weise.
Abschied muss nicht immer am Anfang stattfinden
Was mich an dieser Geschichte besonders berührt hat, ist die Erkenntnis, dass ein Abschied nicht zwangsläufig in den ersten Tagen oder Wochen nach einem Verlust stattfinden muss.
Viele sind in dieser Zeit am Organisieren und Funktionieren. Viele müssen sich um andere kümmern. Manchmal ist ein Tod so plötzlich, dass man kaum begreifen kann, was passiert ist. Oder es fehlt schlicht die Kraft zum Verabschieden.
Das bedeutet nicht, dass es zu spät ist und man den Abschied nicht so gestalten kann, wie es für jeden einzelnen passend und richtig ist. Manchmal entsteht dieses Bedürfnis erst nach Monaten oder Jahren. Und auch dann darfst du deinem Abschied Raum geben.
Dein persönliches Abschiedsritual
Es muss dabei nicht der Schwarzwald sein. Vielleicht gibt es bei dir zuhause einen bestimmen Ort, den du mit deinem verstorbenen Menschen verbindest. Einen Wald, in dem ihr gemeinsam spazieren wart, einen See, eine Bank, oder einfach einen Ort, der dich diesem Menschen nah sein lässt.
Vielleicht war dein Mensch ein leidenschaftlicher Meeresliebhaber und du möchtest die Asche deines Briefes an einem besonderen Ort am Meer verbrennen und vergraben.
Vielleicht möchtest du eine Kerze anzünden, ein Lied hören, einen Baum pflanzen.
Oder auch einen Stein gestalten.
Ein persönlicher Abschied darf entstehen
Die Geschichte dieser Frau hat mir einmal mehr gezeigt, wie wertvoll persönliche Rituale in der Trauer sein können.
Ein Ritual kann dabei helfen, etwas sichtbar zu machen, für das Worte allein nicht ausreichen.
Es kann einen Übergang markieren. Ein bewusstes Verabschieden ist manchmal der Moment, in dem sich etwas verändert. Nicht weil wir den geliebten Menschen vergessen und loslassen, sondern weil wir einen neuen Weg finden, die Verbindung mit ihm in unserem Leben weiterzutragen.
Der gestaltete Stein an der Lieblingsbank ist dafür ein wunderschönes Bild. Der Stein bleibt, der Ort bleibt. Die Erinnerungen bleiben. Die Liebe bleibt – nur in einer anderen Form.
Vielleicht ist das dein Impuls
Diese Geschichte habe ich mit ausdrücklicher Erlaubnis der Frau erzählt. Mein Wunsch ist, dass nicht nur ihre ganz persönliche Geschichte bleibt, sondern vielleicht für dich zu einem kleinen Impuls wird. Wenn du dir einen solchen Abschied wünschst, aber noch nicht weißt, wie der aussehen könnte, musst du diesen Weg nicht allein gehen.
Im Hoffnungsraum dürfen wir gemeinsam schauen, welches Ritual zu dir, deiner Geschichte und deinem verstorbenen Menschen passt.